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Warum werden so viele fast neue Reitstiefel gebraucht verkauft?

Warum werden so viele fast neue Reitstiefel gebraucht verkauft?

Warum werden hochwertige Reitstiefel, die teilweise kaum getragen wurden, schon wieder zum Verkauf angeboten? Und warum betrifft das sogar Maßstiefel?

Wer regelmäßig auf Facebook, Kleinanzeigen und anderen Verkaufsplattformen für Reitsportartikel unterwegs ist, sieht auffallend viele Reitstiefel mit Beschreibungen wie „nur wenige Male getragen“, „so gut wie neu“, „leider doch zu eng“ oder „Maßanfertigung, muss leider verkauft werden“.

Nach mehr als 65 Jahren täglicher Arbeit mit Reitstiefeln, Passform und Reparaturen finde ich insbesondere Letzteres bemerkenswert. Deshalb habe ich mit verschiedenen Personen Kontakt aufgenommen, die nahezu neue Reitstiefel zum Verkauf angeboten haben.

In ihren Erfahrungen zeigten sich erstaunlich oft dieselben Muster.

1. Sehr häufig beginnt das Problem beim Vermessen

Ein Reitstiefel kann handwerklich noch so hervorragend gefertigt sein: Wenn die Maße, die dem Hersteller übermittelt werden, nicht stimmen, kann der Hersteller daraus unmöglich einen optimal passenden Stiefel fertigen.

Professionelles Vermessen bedeutet außerdem wesentlich mehr, als lediglich Schuhgröße, Wadenumfang und Schafthöhe zu notieren.

Die Form des Beins, der Knöchel, der Übergang zur Wade, der Spann, die Ferse, die Position der stärksten Stelle der Wade und die Proportionen zueinander müssen beurteilt werden. Anschließend müssen diese Maße von jemandem mit entsprechender Erfahrung auch richtig interpretiert werden.

In mehreren Gesprächen, die ich zu diesem Thema geführt habe, spielten ungenaue Maße oder eine falsche Interpretation der gemessenen Werte immer wieder eine Rolle.

Passt der fertige Stiefel anschließend nicht richtig, entsteht manchmal ein zweites Problem. Der Händler verweist auf den Hersteller. Der Hersteller stellt fest, dass entsprechend den übermittelten Maßen produziert wurde, und verweist zurück an den Händler.

Am Ende bleibt eine Person mit dem Problem zurück: der Reiter mit einem Paar kostspieliger Reitstiefel, das nicht richtig passt.

Damit habe ich Schwierigkeiten.

Wer einen Kunden vermisst, berät und ihm Reitstiefel verkauft, trägt meiner Überzeugung nach auch Verantwortung für das Endergebnis.

2. Ein ursprünglich gut passender Reitstiefel kann später trotzdem zu eng werden

Nicht jedes Passformproblem bedeutet allerdings, dass beim Vermessen etwas falsch gemacht wurde.

Beine verändern sich.

Das erlebe ich in meiner täglichen Praxis immer wieder. Gerade bei warmem Wetter können Beine deutlich anschwellen. Auch Veränderungen des Körpergewichts, des Trainings und andere Umstände können den Wadenumfang beeinflussen.

Ein Reitstiefel, der ursprünglich hervorragend passte, kann deshalb später plötzlich zu eng werden.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein guter Reitstiefel aufgegeben werden muss.

Je nach Modell, Konstruktion und Position des Reißverschlusses gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Ein Schaft kann in bestimmten Fällen fachgerecht geweitet werden, es kann ein elastischer Einsatz angebracht oder ein Ledereinsatz eingesetzt werden.

3. Ein fachgerechter Ledereinsatz ist nicht einfach ein Dreieck

Über diesen Punkt wundere ich mich regelmäßig.

Ein fachgerecht eingesetzter Ledereinsatz muss sich an der Form des Beins orientieren. An der stärksten Stelle der Wade kann mehr zusätzlicher Raum erforderlich sein, während der Einsatz zur oberen Schaftkante hin wieder schmaler werden muss. Die genaue Form hängt vom jeweiligen Bein ab.

Einfach ein dreieckiges Stück Leder oben in den Schaft einzusetzen, weil sich der Stiefel dort nicht mehr schließen lässt, löst das eigentliche Problem häufig nicht.

Im Gegenteil: Dadurch können die ursprüngliche Linienführung und die Passform eines schönen Reitstiefels erheblich beeinträchtigt werden.

Bei einer fachgerechten Änderung werden sowohl das Außenleder als auch das Futter sorgfältig angepasst. Ziel ist nicht nur, zusätzlichen Platz zu schaffen, sondern auch die ursprüngliche Optik und Linienführung des Reitstiefels so weit wie möglich zu erhalten.

Das ist Handwerksarbeit.

4. Auch zu weite Schäfte erfordern Fachkenntnis

Auch der umgekehrte Fall kommt vor.

Beine können schmaler werden. Ein Schaft, der früher schön anlag, kann deshalb im Laufe der Zeit zu weit werden.

Auch dann lässt sich ein hochwertiger Reitstiefel in vielen Fällen anpassen.

Das Ergebnis hängt jedoch entscheidend davon ab, wer diese Arbeit ausführt.

Bei Modellen mit vorne liegendem Reißverschluss sehe ich beispielsweise gelegentlich Stiefel, bei denen nach dem Verengen des Schaftes die hintere Naht beziehungsweise Biese nicht mehr gerade über das Bein verläuft, sondern sichtbar verzogen ist.

Technisch ist der Schaft dann vielleicht enger geworden, optisch hat der Reitstiefel jedoch erheblich verloren.

Eine gute Änderung muss nicht nur funktional sein. Auch die ursprüngliche Linienführung des Reitstiefels sollte so weit wie möglich erhalten bleiben.

5. Ein falsch ersetzter Reißverschluss kann erheblichen Schaden verursachen

Ein weiteres Problem, das mir leider regelmäßig begegnet, ist ein unsachgemäß ersetzter Reißverschluss.

Bei einem hochwertigen Reitstiefel ist der Reißverschluss Bestandteil der Schaftkonstruktion. Er muss fachgerecht zwischen Außenleder und Futter eingearbeitet werden.

Trotzdem sehe ich Reparaturen, bei denen der alte Reißverschluss einfach am Rand abgeschnitten wurde. Manchmal wird dabei auch der Schutzstreifen hinter dem Reißverschluss entfernt. Anschließend wird der neue Reißverschluss auf das Futter gelegt, geklebt und festgenäht.

Der Reißverschluss funktioniert danach vielleicht wieder, aber die ursprüngliche Konstruktion des Reitstiefels wurde damit nicht wiederhergestellt.

Es tut mir jedes Mal weh, so etwas zu sehen.

Ein Paar hochwertige Reitstiefel kann viele Jahre halten, wenn sorgfältig damit umgegangen wird und notwendige Reparaturen fachgerecht ausgeführt werden.

6. Was tun, wenn ein Petrie Reitstiefel nicht richtig passt?

Hier möchte ich ganz eindeutig sein.

Wenn ein neu gekaufter Petrie Reitstiefel nicht richtig passt, sollte sich der Kunde zunächst an das Geschäft wenden, bei dem der Stiefel gekauft wurde.

Der Verkäufer kennt die Bestellung, hat die Maße aufgenommen oder die Konfektionsgröße empfohlen und ist deshalb der logische erste Ansprechpartner.

Bei Konfektionsstiefeln ist eine nachträgliche Passformkorrektur anders zu beurteilen als bei individuell angefertigten Maßstiefeln. Ein Material- oder Herstellungsfehler ist selbstverständlich wiederum eine andere Angelegenheit. Bei Maßanfertigungen bestehen mehr Möglichkeiten, ein Passformproblem zu beurteilen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Ich werde regelmäßig von Menschen angesprochen, die ihre Petrie Reitstiefel anderswo gekauft haben und anschließend keine zufriedenstellende Lösung für ihr Problem finden.

Wo es möglich ist, bin ich gerne bereit zu beurteilen, welche technischen Möglichkeiten noch bestehen. Ich kann jedoch nicht ohne Weiteres die Verantwortung des ursprünglichen Verkäufers übernehmen.

7. Ein gebrauchter Maßstiefel bleibt Maßarbeit für einen anderen Menschen

Dieser Punkt wird häufig unterschätzt.

Angenommen, Sie finden einen gebrauchten Maßstiefel mit genau Ihrer Schuhgröße, 36 cm Wadenumfang und 48 cm Schafthöhe.

Das bedeutet noch lange nicht, dass dieser Stiefel Ihnen richtig passen wird.

Der ursprüngliche Besitzer kann einen völlig anderen Knöchel, eine andere Ferse, einen anderen Spann oder eine andere Wadenform haben. Auch die Position der stärksten Stelle der Wade kann unterschiedlich sein. Selbst der linke und rechte Stiefel können unterschiedlich angefertigt worden sein.

Sie kaufen im Grunde die Maßanfertigung eines anderen Menschen.

Wenn ein solcher gebraucht gekaufter Stiefel anschließend nicht passt, kann nicht ohne Weiteres von einem Händler oder Hersteller erwartet werden, daraus nachträglich einen perfekt passenden Maßstiefel zu machen.

Dieses Risiko sollte jedem Käufer vor dem Kauf bewusst sein.

8. Mein Rat nach mehr als 65 Jahren Erfahrung mit Reitstiefeln

Einen guten Reitstiefel sollte man nicht allein nach Marke, Preis oder Aussehen kaufen.

Lassen Sie sich fachkundig beraten. Lassen Sie Ihre Beine professionell vermessen. Und fragen Sie bereits vor dem Kauf, was geschieht, wenn später ein Problem mit der Passform auftritt.

Suchen Sie ein Fachgeschäft, das nicht nur Reitstiefel verkaufen kann, sondern auch versteht, wie ein Reitstiefel konstruiert ist und welche Änderungen technisch und handwerklich verantwortbar sind.

Auch nach mehr als 65 Jahren Erfahrung werde ich niemals behaupten, dass sich ein Bein nicht verändern kann. Das kann und wird passieren.

Was mir jedoch wichtig ist: Ein Kunde mit einem Problem muss ernst genommen werden.

Wenn jemand mit einem Reitstiefel zu mir kommt, der nicht mehr richtig passt, möchte ich zunächst wissen: Warum?

Hat sich die Wade verändert? Liegt das Problem nur an einer bestimmten Stelle? Kann der Schaft fachgerecht geweitet werden? Muss er verbreitert werden? Kann er enger gemacht werden? Oder liegt das eigentliche Problem beim Reißverschluss?

Und manchmal lautet die ehrliche Antwort, dass eine wirklich gute Lösung nicht mehr möglich ist.

Aber einen Kunden mit seinem Problem von einer Stelle zur nächsten zu schicken, ist für mich keine Lösung.

Einen Reitstiefel zu verkaufen ist das eine. Auch für den Kunden da zu sein, wenn später etwas an diesem Stiefel gemacht werden muss, gehört für mich zum selben Handwerk.

Peter van Huet
Van Huet Reitstiefel – Bunnik, Niederlande
Mehr als 65 Jahre Erfahrung mit Reitstiefeln, professioneller Vermessung, Passform und Reparatur.

 
 
 
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